„Der Augenblick der Liebe“ von Martin Walser

Der hat es echt drauf, der Herr Walser!

Das ist eher eine literarische Komposition, als eine Geschichte. Das Buch beginnt mit einem Knalleffekt und die erste Seite allein lohnt das Buch in die Hand zu nehmen. Ich musste die Seite mehrmals lesen, um folgen zu können, da der Autor auf Anführungszeichen bei wörtlicher Rede verzichtet. Aber es ist grandios geschrieben! Die beiden Hauptfiguren tanzen auf der ersten Seite in einem Dialog umeinander herum, der den Kern des ganzen Buches vorweg nimmt. Es ist fast Lyrik und natürlich auch der im Buchtitel angesprochene „Augenblick der Liebe“.

Der Autor war schon über 70 als er die Geschichte geschrieben hat: Die Liebe einer jungen hübschen Studentin, zu einem Herrn über 60, der in einer langweiligen Ehe gefangen ist und Experte für einen mir bis dato unbekannten Philopsophen ist (La Mettrie ). Das Thema kennen wir schon von Herrn Walser. Altherrenphantasien, würde ich sagen ;-). Es geht aber für mich eher um die gemeißelten Sätze und die wunderbare Sprache.
Lest die erste Seite!!

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„Der Alte, der Liebesromane las“ von Luis Sepulveda

Ozelotjagd am Amazonas

Es ist der Kampf des Menschen mit der Natur und die erwischt die Protagonisten im Buch mit voller Wucht: Prall und farbenprächtig. Ein bisschen hab ich mich an T.C. Boyles Wassermusik erinnert gefühlt, aber Sepulveda ist viel südamerikanischer. Der Titelheld, Antonio lebt in einem kleinen Dorf am Amazonas, hat im Dschungel mit den Indios gelegt und kennt sich aus mit der Jagd und dem Überlebenskampf .

Es ist ein kleines Büchlein um das Leben von Antonio und doch ist Platz für einfallsreiche Nebenhandlungen wie den mobilen Zahnarzt im Dschungel gleich auf der ersten Seite und die Geschichte. Gut gefällt mir auch wie Antonio im fortgeschrittenen Alter merkt, dass er lesen kann. Nach dieser Entdecken beginnt er systematisch zu untersuchen welche Art von Büchern ihm wohl am meisten Spaß machen und das sind erstaunlicherweise romantische Liebesromane. Was hätte ich mir wohl an seiner Stelle ausgesucht? Warum das so ist, wie er an seine Bücher kommt und sie liest ist sehr unterhaltsam beschrieben. Es geht bei Sepulveda aber nicht um Bücher, sondern um das Leben – die elementaren Dinge der menschlichen Existenz. Eine echte Entdeckung!

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Siegfried und Brunhilde

Die Nibelungensage wäre heute eine Soap. Es geht um Liebe, Macht und verletzten Stolz. Eine moderne Geschichte.

Die starken Rollen sind bei den Nibelungen mit Frauen besetzt. Um Brunhild zu besiegen, braucht selbst der Superman Siegfried eine Tarnkappe. Was das wohl für eine Dame gewesen sein mag? Die hat sicher Bodybuilding betrieben, damit sie den Diskus schön weit werfen kann.
Witzig finde ich auch, dass Gunter unbedingt Brunhild haben will, die er noch nie gesehen hat, einfach nur, weil sie sehr schwer zu erobern ist. Alle andern wollen sie auch und scheitern – schon ist sein Ehrgeiz geweckt.
Siegfried stelle ich mir als Brad Pitt im Film „Troja“ vor, wo er den Achill spielt. Hagen ist groß, bärtig, rauhbeinig und etwas älter …etwa wie Bud Spencer. Brunhilde ist für mich Brigitte Nielsen, aber mit Muskeln… und Kriemhilde ist die die hübsche, aber zumindest anfangs einfältige Britney Spears.

Christoph Walz sagt in „Django Unchained„, dass jedes Kind in Deutschland die Geschichte von Brunhilde kennen würde, die auf einem Berg in einem Feuerkreis steht und von Siegfried gerettet würde.
Nun, das ist ein wenig übertrieben. Gemeint ist hier nicht die mittelhochdeutsche Version der Niebelungensage, die man evt. kennt, sondern eine Variante: Die Thidrekssaga (alternativ passt auch die Edda). Es gab/gibt mehrere Versionen der Geschichte. Man hat auch damals schon gern voneinander abgeschrieben. In der Thidrekssaga geht es auch um Brunhilde und Siegfried, aber die beiden begegnen sich in dieser Variante schon vorher im Wald bzw. auf dem Berg (mit Feuerkreis und Burg und Pferd). Nachdem Sigfried Gunters Schwester Kriemhild geheiratet hatte, pries er Gunter Brunhild als „schönste und weiseste aller Jungfrauen”. Ist ja Kriemhild gegenüber etwas eigenartig von einer anderen als „Schönste“ zu sprechen. Brunhild war über Siegfrieds Heirat nicht glücklich. Es scheint, als sei sie mit Siegfried verlobt gewesen. Da bleibt die Sage unklar. Vielleicht gab es auch auf dem Berg ein interpretationsfähiges Techtelmechtel. Das würde Brunhilds Reaktion in der Nibelungensage erklären, als Gunther und Siegfried zur Brautwerbung in Isenstein erscheinen.

Um es kurz zu sagen: Jedes Kind kennt zwar Siegfried, aber seine Beziehung zu Brunhilde kennt es nicht. Meiner Meinung nach war Kriemhild eigentlich seine Auserwählte.

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Hamburgs erster öffentlicher Bücherschrank

Hamburgs erster öffentlicher Bücherschrank steht im Stadtteil Hoheluft vor der St. Markus Kirche in der Heider Straße nicht weit von der U-Bahn Station Hoheluft. Die Kirchengemeinde hat den Bücherschrank gesponsort und mit Büchern gefüllt. Jeder darf kommen und Bücher tauschen. Die ersten Book-Crossing -Bücher sind auch schon im Schrank aufgetaucht. Der Schrank ist sehr gut bestückt und hat Nobelpreisträger, leichte Urlaubslektüre und Kinderbücher zu bieten. Ein Besuch lohnt sich!

Das Hamburger Abendblatt berichtet über das Ereignis und ebenso die Lokalpresse.

Endlich gibt es in Hamburg auch einen Bücherschrank. In vielen anderen deutschen Städten ist das längt Alltag. Hier gibt es eine Liste aller öffentlichen Bücherschränke in Deutschland, die Sie auf Ihrer nächsten Dienstreise besuchen können.

Der erste Satz eines Buches …

… ist vielleicht der wichtigste im ganzen Roman. Wer sich hier schon langweilt, oder nicht angesprochen fühlt, liest selten weiter. Jeder Autor gibt sich mit diesem Satz besondere Mühe. Daher wurden auf dem letzten Büchertausch-Treffen in Hamburg nicht nur Berge von Büchern ganz normal getauscht, sondern, es waren auch ein paar geheimnisvoll verpackte Bücher dabei, die ihren ersten Satz als einzigen Hinweis auf der Verpackung trugen. Jeder durfte sich nun anhand des ersten Satzes ein Buch aussuchen und als Osterei mit nach hause nehmen. Es ist gar nicht so einfach, einen aussagekräftigen ersten Satz zu finden, der ein Buch gut charakterisiert, ohne der Überraschungseffekt völlig zu verderben. Die meisten ersten Sätze sind sehr kurz und prägnant und haben schon daher nicht viel Inhalt zu bieten. Im Nachhinein hätte ich lieber das Buch mit dem unten stehenden ersten Satz verpackt, verschenkt oder ausgesucht:

In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden besetzten Rondell warf.

Dieser Satz ist sehr typisch für das ganze Buch und ich finde, man sollte sich ihn wie ein Karamellbonbon auf der Zunge zergehen lassen. Vielleicht verrät er schon zu viel – aber egal. Es ist eine etwa 100 Jahre alte Geschichte, die, wäre sie heute geschrieben worden, als Telenovela im Vorabendprogramm laufen würde. Viel schöner als in den modernen GZSZ-Folgen ist die Sprache in diesem Buch: Phantastische Genitive, indirekte Rede und lange, lange Sätze mit einer zweistelligen Anzahl von Satzzeichen, die für jeden Vorleser eine Herausorderung darstellen. Ein literarisches 3Sterne-Gericht im Gegensatz zur TV-Currywurst.

Diese Buch ist meine literarische Empfehlung der Woche!

(Titel und Autor des Buches sind für Internet-Versierte leicht zugänglich.)

OBCZ Unperfekthaus in Essen

Das Unperfekthaus am Limbecker Platz in Essen hat ein eigenes Konzept. Wir haben uns sofort wilkommen gefühlt und gern den Eintritt gezahlt, der jeden Gast berechtigt so viele Softgetränke und Kaffee aus den herumstehenden Maschinen bzw Kühlschränken zu verzehren, wie er will. Neben einem Erlebnis WC, das nur in der Männervariante ein echtes Erlebnis bereit hält gibt es hier eine liebevoll gestaltete Bookcrossing Zone im 4. Obergeschoß. Das deutsche Bookcrossing-Jahrestreffen  (Ruhrcrossing 2010) hat im vergangenen Jahr im Unperfekthaus stattgefunden. Natürlich kann man auch 2011 munter weiter crossen. Die Dachterasse ist ebenfalls sehenswert und hier kann das frisch ercrosste Buch bei einem Getränk schon mal angelesen werden.

Mit nur einem Buch zum Bookcrossing Meetup

Beim Treffen aktiver Bookcrosser werden Bücher getauscht und gefachsimpelt – über die tollen Bücher auf dem Tisch, wie man endlich die Bücherberge zu hause abbauen kann und auch über ganz normale Dinge.

Diese Treffen werden in einigen Städten regelmäßig veranstaltet. Termine gibt es hier. In Hamburg werden die Meetups im Forum angekündigt und man trifft sich zum Beispiel im Hadleys Beim Schlump oder in der Blauen Blume in der Gerichtsstraße. Neulinge sind immer gern gesehen und es gilt als „höflich“ möglichst viele Bücher mitzumnehmen, denn die alten Hasen unter den Crossern haben eine Buddha-gleiche Gelassenheit entwickelt und nehmen gar keine Bücher mehr mit oder tauchen mit nur einem Buch in der Hand auf und wollen auch partout nur eines wieder mitnehmen, um ihre Bücherbilanz nicht zu gefährden. Zum Glück sind sie meistens in der Minderzahl und es türmen sich schnell hohe Bücherstapel auf, die immer reihum auf dem Tisch weiter geschoben werden. Wie durch Zauberei verschwinden die meisten Bücher nach und nach in den diskret platzierten Büchertaschen und wechseln so den Besitzer. Wer will, kommt auf diese Weise mit 20 neuen Büchern nach hause und hat genug Lesestoff bis zum nächsten Meetup.